1. Woche

Samstag, 30. April 2005

Ich bin so unendlich aufgeregt. Die letzten Klausuren sind geschrieben, die letzte Party gefeiert. Ich schlafe unruhig. Versuche mir die Rocky Mountains auszumalen. Versuche mir vorzustellen, wie es ist loszufahren. Aber ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.

Achso, gestern habe ich mir von Mostafa noch die Haare abrasieren lassen. Sie sind jetzt alle auf 3mm. Naja, nicht alle, denn wie ich gestern auf der Party erfahren habe, ist es wohl zu sehen, dass er ein paar Haare übersehen hat. Die kommen heute um Mitternacht ab.

Sonntag, 1. Mai 2005 (800km)

Der Wecker klingelt unbarmerzig um 6:30 am Morgen. Ich bin zwar tierisch aufgeregt, aber auch tierisch müde und schaffe es irgendwie mir einzureden, dass ich ja viel sicherer fahre, wenn ich ausgeschlafen bin.

Also schlafe ich bis um 7:10. Dann aber los. Schnell die letzten Sachen gepackt, den Müll rausgebracht und die Schlüssel abgegeben. Geschafft. Motorrad Tasche auf den Rücksitz – und … hmm .. wo sitze ich jetzt, frage ich mich nun wieder.

Die Motorrad Tasche is soo dick, da passt unmöglich ein Robert noch davor. Zumal letzterer sein Volumen durch die vielen Klamottenschichten nahezu verdoppelt hat.

Naja. Es gibt nach laengerem Überlegen und zögern keine andere Chance – ich setze mich also auf den Tank, die Tasche hat den gepolsterten Sitz, und dann geht es los. Mit den Beinen rechts und links zwischen den Ohren ist das zwar nicht so dolle, aber egal. (Hatten die Leute mit dem Frauen/Anfaenger Bike wohl doch recht!)

Das erste Stück verlief ereignislos. Achtspurige Autobahn bis Barrie. Von dort aus wurde es dann einsamer und wesentlich schöner. Ich fühlte mich teilweise wie in einem Buch von Karl May. Überall Dörfer, die so indianisch klingen. Auch die Gegend stimmt. Man könnte sich sehr leicht Büffelherden vorstellen – oder reitende Cowboys. Ich kam an Mohawk-City vorbei und ärgerte mich: jetzt mit den kurzen Haaren würde ich da bestimmt nicht mehr reinkommen.

Dann ging es weiter nach Sudburry. Ich muss sagen der Reiseführer hat nicht übertrieben. Es läge wohl an einem Meteoritenkrater und dessen Einschlag hätte der Gegend zu sehr viel Erz verholfen, das dann auch ausgebeutet wurde.

Die grossen Schornsteine sorgten allerdings für sauren Regen und ähnliches, mit dem Resultat, dass das ganze aussieht wie eine Mondlandschaft. Ein wenig felsig, kahl – abgesehen von den Birken, die dann schnell gepflanzt wurden. Und soooo weit. Und sooo kahl. Hier wurden wohl auch Astronauten trainiert – erzählte man mir. Vorstellen kann ich es mir.

Dann von Sudburry weiter Richtung dem Tagesziel: Sault Ste. Marie. Von hier an wurde es anstrengend. Die letzten 350km wollten kein Ende nehmen. Es regnete in Strömen. Die Temperatur sank auf 1-2 Grad ab. Es war einfach nur verdammt kalt. Der wunderschöne Ausblick auf den See entschädigte ein bißchen aber nicht vollständig.

Erschöpft und am ganzen Körper zitternd, obwohl ich vier Lagen Kleidung trug, kam ich dann abends um 6 in der Jugendherberge an, kriegte ein Zimmer für mich alleine und ging erstmal unter die Dusche.

Dann schnell noch Essen gehen und ein wenig die Stadt angucken. Stadt ist hier sicher übertrieben. Immerhin versuchen Sie, einem Touristen das Stadt-Feeling zu geben. Leider fangen sie beim Ghetto an. :(

So, dann ins Bett, denn morgen geht es bis nach Thunder Bay. Hoffe ich. Etwa 800km und eine hoffentlich landschaftlich sehr schöne Strecke!

Montag, 2. Mai 2005 (780km)

Ein weiterer Morgen, ein weiterer Wecker, eine weitere Versuchung länger zu schlafen. So bin ich wohl und ich gewöhne mich nur schwer daran wirklich um sieben loszufahren. Als ich schließlich um 8:30 endlich aus dem Hostel vor der Tür trat wurde ich zu allem Überfluss auch noch mit Regen begrüßt. Dabei hatte der Wetterbericht extra keinen Regen vorhergesagt.

Kaum hatte ich die letzten Haeuser von Saint Ste. Marie hinter mir gelassen wurde ich aber auch schon belohnt. Die Aussicht war einmalig. Wald, Berge, Seen und eine Strasse, die sich mittendurch schlängelt.

Toll. Viele Kurven. Viele Anstiege, viele Abfahrten – einfach toll. Besonders die Strecke durch den Lake Superiour National Park ist einmalig. Man trifft fast niemanden, fährt über alte eiserne Hängebrücken ueber noch ältere Flüsse, die sich tief in den Fels eingeschnitten haben. Dann geht es weiter. Die Strasse schlängelt sich an den Felsabhaengen an der Küste vom See entlang.

Es ist toll. Links Meer, Rechts Berg. Ist einfach ein super tolles Gefühl von Freiheit, wenn man in der Kurve liegt, die Küste sieht, der Berg auf der anderen Seite ansteigt, der Motor roehrt, der Tank voll und die Strasse ein angenehmes Fahren bei 120km/h erlaubt.

Tja und dann passierte es, ich bog um eine Kurve und da stand sie. Die erste Elchkuh meines Lebens. Wir guckten uns kurz in die Augen – ich realisierte, dass sie vermutlich schwerer war, als wir (mein Motorrad und ich) zusammen und praktizierte, was ich bei meinem Sicherheitstraining gelernt hatte. Vorbildlich umschiffte ich das Hindernis und war begeistert von ihrer Größe.

Das alles passierte in Sekunden und erst Minuten spaeter realisierte ich, dass ich gerade meinen ersten Elch sah und eigentlich ein Photo hätte machen soll. Was solls, denn schon lockte die nächste Aussicht.

Es ging weiter Richtung Norden bis zur Indianer Siedlung Wawa. Dort wollte ich Pause machen. Es war ein ganz schöner Anstieg. Oben angekommen erwartete mich etwas Unerwartetes. Warum ist man auf solche Dinge auch nie vorbereitet. Es schneite aus allen Kübeln. Es schneite! Die Temperaturanzeige meines Motors, reagierte auch sofort.

Normalerweise ist der Temperaturzeiger etwa in der Mittelstellung, schließlich fahre ich mit 110km/h Reisegeschwindigkeit und etwa 5000 Umdrehungen. Aber als es anfing zu schneien, ging der Zeiger wie von Zauberhand auf 0°C zurück.

Quasi so, als würde der Motor aus sein und ich abkühlen. Ich hab ja von alledem keine Ahnung und hatte also Angst vor einer Panne. Naja. Bis Wawa durchhalten muss ich – anders geht es nicht. Irgendwann bin ich mit zitternden Beinen in Wawa angekommen. Immerhin wohnen da 1100 Leute! Juhu! Eine Tankstelle! Gottlob – endlich, schließlich war der Tank auch schon fast leer gewesen.

Dann daneben ein Subways. Ich natürlich gleich rein und bin eine Stunde lang nicht rausgekommen. Ich orderte und guckte dann kurz nach meinem Bike vor der Tür – oh Gott – ich sah folgendes: von dem Kühlerblech stiegen große Rauchschwaden auf und neben dem Bike sah ich eine Ölpfuetze.

Oh je – ich sitze also in Wawa fest denke ich mir. Ich gehe voller Anteilnahme zu meinem Bike – raus in den Schneesturm – und gucke mir die Sache ganz genau an. Erfreut stelle ich fest, dass alle Sorgen umsonst waren. Das Kuehlerblech dampft, weil die Schneeflocken auf dem heissen blech zu Wasserdampf werden – nichts Schlimmes, ganz normale Physik. Und der Ölfleck kommt daher, dass schmelzende Schneeflocken das Öl außen von den Zylindern abwaschen. Kein Leck. Alles gut – bis auf das Wetter.

Ich warte ein wenig und das Wetter bessert sich tatsächlich ein bißchen. Höchste Zeit also loszufahren. Ich düse weiter und komme nach etwa 200km an dem Ort vorbei, wo die tiefste Temperatur in Canada gemessen wurde. Wie passend denke ich mir zitternd und fahre weiter.

Es folgt eine tolle kurvige Strecke, viele tolle Brücken und irgendwann komme ich in Thunder Bay an. Völlig erfrohren, völlig erschöpft. 10 Stunden gefahren. Eine Stunde Pause gehabt. Naja. Das muss besser werden. Ich suche dann etwa 1 Stunde nach der Jugendherberge, verliere dann die Lust und falle in das erstbeste Motel ein. Es ist nicht preiswert, aber ganz ok. Erstmal eine warme Dusche ist alles, was mir einfällt.

Puuuh … wieder ein Tag geschafft.

Dienstag, 3. Mai 2005 (180km)

So der Tag begann ganz toll. Morgens kitzelte mich die Sonne wach. Alles war zwar immer noch 3 Grad kalt, aber ich war guten Mutes und schon gegen 8:30 ging es los. Schnell noch aufgetankt und dann wieder auf den Trans Canada Highway 17. Nächster Stopp sollte Upsala werden, so ca. 160km von Thunder Bay entfernt.

Die Landschaft hier ist plötzlich ganz anders. Ein wenig hügelig, sehr viel Wald und eine Strasse, die sich schnurgerade bis zum Horizont zieht. Oh mann. Keine Kurven für mich heute, das sollte ein langweiliger Tag werden. Wäre meine Kleine nicht so schlecht motorisiert, dann würde es mir hier echt schwer fallen, die Geschwindigkeitsgrenze von 90km/h einzuhalten. Warum auch? Die Strasse ist trocken, klare Sicht, 4 spurige Strasse, niemand zu sehen. Naja. Zum Glück kann ich maximal 130km/h fahren und selbst das ist nicht angenehm. Blieb also 110km/h als Reisetempo – wie jeden Tag.

Etwa 110km von Thunder Bay entfernt merke ich plötzlich, dass meine rechte Fußstütze sehr sehr rutschig ist. Komisch denke ich mir, haste wohl nasse Schuhe? Ich gucke runter und sehe mit Schrecken, dass eine etwa 4cm grosse Kappe vom Getriebe abgegangen war und an dieser Stelle nun Motoröl raussuppte.

Schit. Was nun. Ich hielt vor Schreck an und guckte mir die Sache ganz genau an. Viel Öl war nicht mehr drin. Alles war entweder auf dem Auspuff, der Fussraste oder dem Hinterreifen – na toll.

Was tun? Ich guckte mich um. Nichts weit und breit zu sehen. Gar nichts. Thunder Bay 110km hinter mir, Upsala 55km vor mir. Shit. Das wäre eine halbe Stunde. Wenn ich eine halbe Stunde fahre ist garantiert das Öl alle. Wenn ich dann einen Kolbenfresser krieg oder das Getriebe im Eimer ist, dann kann ich mir den Rest der Tour sparen, weil die Reparatur den Wert des Bikes bei weitem übersteigt.

Scheiße, scheiße, scheiße. Der erste sonnige Tag und dann das. Ruhig Robert, denk nach. Dir wird was einfallen. Kein Auto, nichts. Mittlerweile fängt das Öl auf dem Auspuff zu verbrennen an und ich werde in Rauchwolken gehüllt. Auch das scheint niemanden in der Gegend zu interessieren. Rauchzeichen haben in der heutigen Zeit ausgedient denke ich mir und greife zum Handy.

Nach 5min gebe ich entnervt auf und stelle fast, dass es utopisch wäre hier mit einem Handy telefonieren zu können, denn hier wohnen maximal drei Leute im Umkreis von 100km.

Welche Optionen bleiben? Ein Propfen. Ich nehme einen Lappen und versuche ihn da drüber zu stecken. Toll. Was passiert? Der Lappen saugt sich mit Öl voll, aber des Getriebe wird trotzdem trockener und trockener. Scheiße. Motor abschalten – zur Abwechslung mal Öl und nicht Benzin sparen. Hatte ich ja auch noch nicht. Mal was Neues.

Jaja, irgendwann werde ich davon meinen Kindern erzählen. Bis jetzt biste da immer irgendwie rausgekommen, denke ich mir. Was also tun? Ich ziehe den Lappen raus, schicke ein Stoßgebet gen Himmel und mache mich Richtung Upsala auf den Weg. Die längsten 55km meines ganzen Lebens.

Ich dachte immer daran, dass ich jeden Meter, den ich fahre nicht schieben muss und so fuhr ich mit bangendem Lächeln. Die Tatsache, dass die Öllampe noch nicht leuchtete gab mir ein bißchen Hoffnung. Ich überlegte, ob es Sinn bringt, sich einfach einzubilden, ich hätte es nicht gesehen – alle Lampen waren ja auf grün! Würde mich ignorieren retten? Es ging über Berge und zog sich ewig hin. Jede Geräuschänderung des Motors ließ mich Panikatacken erfahren. Scheiße, nur noch diesen Berg, nur noch bis dahinten hin, nur noch bis darunter ….

Ich begann mich auch an das Öl am Hinterreifen erinnern. Bekanntermassen soll Öl ja Reibung vermeiden. Dumm ist nur, dass die Reibung mich am Leben hält, wenn ich mit 100km/h um die Kurven düse. Da kann man echt Schiß kriegen, wenn man nicht weiß, wieviel Reibung der Reifen hat – oder wann sie abreißt.

Irgendwann tauchte es am Horizont auf und kam schliesslich auch naeher: mein geliebtes Upsala.

Ich parkte vor dem einzigen Tankstelle-Werkstatt-Shop-Post-Laden des Ortes, das Bike war nun vor lauter Ölrauchwolken fast kaum noch zu sehen, ging in den Laden hinein und meinte, äh – ich habe da ein kleines Problem mit meinem Motor. Gibt es hier einen Mechaniker? Die Frau guckte sich um, ein Blick, den ich nie vergessen werde, und meinte, ja, heute sei er gerade mal da und ich solle mal hinterm Haus gucken.

Dort fand ich Dan – zerrte ihn zu meinem Bike und er rief sofort für mich bei der CAA (das Pendant zur AAA bzw. dem ADAC) an, damit ich abgeschleppt werden konnte. Solche Dinge kann er hier nicht machen. Da müsse ich schon zu einem Honda Händler und der nächste wäre in Thunder Bay.

Na toll. Jetzt wurde ich langsam übermütig und der Perfektionist kam durch: zurück nach Thunder Bay? Nein das kam nicht in Frage. Als ich in fragte, ob ich nicht noch ein bißchen weiter fahren könnte, bis die nächste Werkstatt fuer Motorräder käme, schaute er mich and und meinte, die Sache sei kritisch und ich solle froh sein, es bis hier geschafft zu haben.

Nun gut – ich war froh, wartete 2h auf meinen Abschleppdienst und lernte die Leute auf der Tankstelle kennen. Nun das ging schnell. Viele Leute waren da ja nicht.

Die Fahrt zurück verlief ereignislos. Ab und an passierten uns Motorradfahrer, die sich nicht ohne Häme oder Mitgefühl auf meine Kleine guckten und mir verachtende Blicke für schlechte Wartung nachwarfen. Zumindest bildete ich mir das ein. Keine Ahnung, ich wäre am Liebsten unterm Armaturenbrett versunken.

Schliesslich irgendwann wieder in Thunder Bay angekommen. Puuh. Das kenn ich doch. Naja, vor dem Honda Händler abgesetzt – Preis fürs Abschleppen? Normalerweise CND$ 400-500, aber da ich CAA habe, kostenlos! Yeah, na das hat sich wenigstens gelohnt.

So, was nun? Ich erwarte das Schlimmste, also so etwas wie: “Das ist ein Spezialteil. Das muessen wir bestellen, dauert 2 Wochen.” Es folgt eine Panik-Atacke und ein Film im Kopf: 2 Wochen in Thunder Bay gestrandet. Oh mann. Na mal sehen.

Ich spreche mit dem Mechaniker. Er schaut sich das an und meint, er hätte noch nen alten Shadow Motor in der Garage. Er klaut sich davon die Kappe, schraubt sie bei mir drauf und alles ist gut – passt perfekt. Nun noch 2 Liter Öl nachkippen und fertig. Er gab mir noch einen Lappen und ein bisschen Reiniger – ich fragte ihn, wieviel ich ihm schuldete. Er meinte CND$ 20 und erntete ein breites Lächeln auf meinem Gesicht. Puuh … mit 20$ davon gekommen. Glück gehabt. Bin ich ein Glückspilz? Das hätte mehrere Male böse enden können.

Naja – nun war ich früher am Tag in Thunder Bay als gestern und konnte das am Vortag nicht gefundene Hostel suchen. Ich fand es schließlich 20km außerhalb der Stadt. Im Nirgendwo. Aber sehr sehr nett. Sehr persönlich. Sehr lieb. Und wieder ein Zimmer für mich. Interessanterweise hat ein Nachbar hier Wireless-Internet, so dass ich euch kurz diesen Bericht schreiben kann. Komisch dieses Land. Auf der einen Seite so riesig groß und entfernt, auf der anderen Seite gibt es selbst hier Wireless Internet.

Mal sehen, was der morgige Tag bringt! Ich bin gespannt …

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Datum: Samstag, 26. April 2008 23:08
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